Mooni, die Mondmaus

…. hmmm – da ich krank bin und mir einigermaßen langweilig ist, dachte ich mir, nervst mal deine Freunde mit der Geschichte von Mooni. Also Mooni ist eine Maus – eine ungewöhnliche Maus! Es fing eigentlich alles ganz harmlos an … ich war im Stall und da begegnete sie mir. Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie überrascht ich war! Nun wirst Du sagen: „Was ist denn an einer Maus so ungewöhnlich und noch dazu im Stall? Da hat es mehr als genug Mäuse!“ stimmt schon – das gebe ich zu – aber Mäuse, die sprechen können und eine Geschichte erzählen? Du mußt gestehen, das ist schon ungewöhnlich und vielleicht kannst Du Dir auch vorstellen, wie ich erschrak, als mich plötzlich von hinten eine Maus ansprach?

Nun, daß sie sprechen kann, das hätte mich vielleicht noch gar nicht so überrascht, aber was sie mir erzählte, das war wirklich einmalig! Sie kommt nämlich vom Mond! Eigentlich heißt sie auch ganz anders – irgend so ein XYZ-Name, wie er auf dem Mond wohl grade in Mode ist – aber genauso wie ich mir keine slavischen Namen merken kann (ich kann mir überhaupt keine Namen merken, nur mal so nebenbei bemerkt) genauso wenig konnte ich mir ihren Namen merken und so nenne ich sie eben Mooni!

Ist ja auch viel anonymer – ich möchte ja nicht, daß so ein Genforscher kommt und sie auseinander seziert! Ich habe ihr auch gesagt, sie sollte besser nicht mit jedem Fremden hier reden, sonst endet sie im Glas – im Alkoholglas! Also brauchst Du auch gar nicht erst zu mir in den Stall kommen, sie wird sich Dir eh nicht zu erkennen geben! Aber nun hab ich genug drum herum gelabert – nun will ich Dir die Geschichte von Mooni erzählen:

Angefangen hat unser Gespräch mit einer Äußerung meinerseits über mein wirklich großes Mißtrauen gegenüber ihrer Behauptung, sie käme vom Mond. Das kann ja schließlich jeder behaupten! Ich konfrontierte sie kurzerhand mit dem Einwand, daß die Astronauten, die den Mond besucht hätten, nix von Mäusen gesagt haben? Sie gab mir daraufhin die logische Erklärung, daß das wohl daran liegen müsse, daß die Mäuse auf der Käseseite des Mondes leben und nicht auf der faden Steinseite, die den Menschen anscheinend so ausnehmend gut gefällt!

Käseseite? Steinseite? Du kannst Dir mein dummes Gesicht wohl vorstellen bei dieser Ausführung. „Aber schau Dir doch den Mond an! Siehst du nicht die Käseseite? Man sieht doch nur die Käseseite – schau doch – gelb und voller Löcher! Die Steinseite ist ja so grau und trist, daß man sie von der Erde aus nicht sehen kann! Und trotzdem landen die Menschen immer nur auf dieser blöden Steinseite und was glaubst du, was das für mich für eine Anstrengung war, zu Euch auf die Erde zu gelangen! Nur weil diese Typen zu blöd sind, um auf der richtigen Seite zu landen, mußte ich um den halben Mond herum krabbeln und das mit meinen kurzen Beinchen.“

Sie schüttelte den Kopf und verstand gar nicht, was ich an ihren Ausführungen so außergewöhnlich fand? „Warum bist du denn überhaupt auf die Erde gekommen? Hat es Dir auf dem Mond nicht mehr gefallen? Sind noch andere Mondmäuse außer Dir hier auf der Erde?“ – „Nein ich glaube nicht. Ich hab jedenfalls noch keine Mondmaus entdeckt und deshalb bin ich auch ein bißchen traurig. Wieso ich auf die Erde gegangen bin, das ist eine lange Geschichte! Hast du genug Zeit?“ Ich nickte mit dem Kopf und sie begann zu erzählen:

„Weißt Du wie schön die Erde vom Mond aussieht? Nein, das kannst Du ja gar nicht wissen, Du warst ja wohl noch nie auf dem Mond? Die Erde ist grün und blau und … einfach bunt und phantastisch! Unser Mond ist immer gleich langweilig gelb oder grau, je nachdem auf welcher Seite Du bist. Es leben sehr viele Mäuse auf dem Mond, denn Mäuse lieben Käse und man ist wohl nirgends sicherer vor dem Hungertod als mitten auf einer großen Käsehälfte. Den meisten Mäusen reicht das auch: Essen und schlafen, geboren werden, Kinder bekommen und aufziehen, Enkelkinder bekommen und aufziehen … um dann irgendwann einmal auf der Steinseite des Mondes begraben zu werden.

Aber irgendwie war das nicht das Leben, das ich führen wollte. Und so wanderte ich umher um zu schauen, ob es da vielleicht noch was anderes gibt außer Mäusen, Käse und Steinen. Und so kam es, daß ich eines Tages mal wieder – die Arme hinter den Kopf verschränkt – auf dem Käse lag, weil ich genug von ihm hatte und ihn schon nicht mehr sehen konnte. Ich schaute am Himmel spazieren und träumte von einer anderen Welt. Da sah ich sie! Die ERDE! Diese Vielfalt der verschiedensten Farbtöne: Grün, blau, braun, rot, orange …! Von diesem Tag an hatte ich Sehnsucht nach dieser anderen, schönen, bunten Welt! Ich stellte mir vor, wie es denn wohl sei, dort oben zu leben. Ist es so wie ich es mir vorstelle oder schaue ich von dort auf den Mond und denke mir, auch der Mond sieht von der Erde betrachtet farbig und schön aus?

So träumte ich lange vor mich hin und es blieben mir ja auch nur meine Träume, denn es gab ja keinen Weg, um auf die Erde zu gelangen. Eines Tages kamen jedoch Freunde von mir von einem Steinseiten-Ausflug zurück und erzählten aufgeregt, daß ganz seltsame Wesen von der Erde auf dem Mond zu Besuch waren. Wir wunderten uns zwar, warum sie sich ausgerechnet die unwirtliche Seite ausgesucht hatten, liefen jedoch sofort hin, um sie zu begutachten. Das war meine Chance! Ich hatte zwar wahnsinnige Angst, was mich wohl auf der Erde erwarten würde, aber meine Sehnsucht war größer. Ich wollte mich nicht ein Leben lang fragen, was wohl gewesen wäre wenn … und ob ich meine Chance verpaßt hatte? Ich traf eine Entscheidung und muß nun mit ihr leben.“

„Hmmmm … hast Du Deine Entscheidung bereut? Ist der Mond von hier aus genauso schön wie die Erde vom Mond aus?“ – „Ich weiß es nicht, denn ich bin noch nicht lange genug hier. Aber es ist mir schon jetzt klar geworden, daß ich gar nicht anderes habe handeln können – ich wäre auf dem Mond verrückt geworden mit der Zeit – ich bin nicht geschaffen für ein Leben auf dem Mond. Es ist nicht einfach hier auf der Erde und manchmal vermisse ich meine Freunde schon, aber ich hatte nie wirklich eine andere Wahl! Meine Sehnsucht war stärker als alle Vernunft. Von daher war es die logische Folge für mich, so zu handeln – auch wenn ich nicht weiß, ob eine Rückkehr auf den Mond für mich noch möglich ist; selbst wenn ich es wollte …“

Das stimmte mich nun doch etwas nachdenklich. Hatte Sie recht? Kann man so einfach aus seiner Welt ausbrechen ohne Rücksicht auf Verluste? Ich frage mich oft, wie es ihr wohl bei uns auf der Erde ergangen ist und ob sie glücklich wurde? Manchmal, wenn es im Stall im Stroh raschelt, drehe ich mich um und hoffe, daß sie mich noch einmal besuchen kommt. Ich hätte noch viele Fragen an sie zu stellen gehabt. Aber vielleicht ist es auch besser, wenn man nicht auf alle Fragen eine Antwort bekommt, denn es ist eh jedes Leben anders und man kann nicht unbedingt von den Erfahrungen Anderer auf sein eigenes Leben schließen. Und doch denke ich noch so manches Mal an die Maus vom Mond und was wohl aus ihr geworden ist?

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